Antisemitismus und die Schweiz
Vergangenheit bereinigen
Auf der einen Seite gab es Leute wie den
St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger,
welcher sich der Flüchtlinge erbarmte,
diese aufnahm und dadurch seinen Job
verlor. Auf der anderen Seite Leute wie den
Thurgauer Polizeihauptmann Ernst Haudenschild,
der zusammen mit Justizdirektor Paul Altwegg
und dem Bezirksstatthalter Otto Raggenbass rigoros
gegen die Flüchtlinge vorging. So berichtete Haudenschild
an einer ausserordentlichen Sitzung der Justizdirektoren
und Polizeikommandanten voller Stolz:
«Unsere kantonale Regierung hat uns strikte Weisung
erteilt, alle Flüchtlinge abzuweisen. Wir haben keine
politischen und keine jüdischen Flüchtlinge in unserem
Kanton. Man mag in Bern befehlen und beschliessen,
was man will, unser Kanton wird keine Flüchtlinge
zulassen.» Aufgrund dieser Haltung wurden
hunderte von Flüchtlingen abgewiesen, aufgegriffen,
wieder zurückgeführt und meist dem sicheren Tod zugeführt.
Wer jedoch genügend Vermögen mitbrachte,
konnte sich mit Kautionszahlungen an die Behörden
freikaufen. Alles wurde minutiös protokolliert, aber
die fremdenpolizeilichen Akten verschwanden mit der
Pensionierung von Herrn Haudenschild.
Restriktive Thurgauer Behörden
Nun zwei kleine Lichtblicke: Am 1. März dieses Jahres
berichtete das Schweizer Fernsehen SRF, dass sowohl
der Nationalrat als auch der Ständerat einem Vorstoss
von SP-Ständerat Daniel Jositsch einstimmig zustimmten,
ein Schweizer Holocaust-Denkmal als Mahnmal in
der Bundeshauptstadt zu errichten. Dazu meinte Jositsch:
«Das Mahnmal soll auch an diejenigen Männer,
Frauen und Kinder erinnern, denen die Schweizer Behörden
fälschlicherweise die Rettung verweigert haben.
» Dass mit den Schweizer Behörden vornehmlich
auch jene des Kantons Thurgau gemeint sind, scheint
ausser Zweifel, da diese bekanntermassen eine der
restriktivsten Haltungen aller Kantone vertraten und
deshalb dafür sogar von Bundesbern gemahnt wurden.
Bitte um Vergebung
Zudem hat die Evangelische Kirche im Rahmen eines
Antisemitismus-Vortrages im Februar in Diessenhofen
jüdische Angehörige für das feige Wegschauen und die
Untätigkeit der Kirche stellvertretend um Vergebung
gebeten. Deshalb habe ich nun schon zum zweiten Mal
unsere Thurgauer Regierung daran erinnert und sie
aufgefordert, als politisches Gremium dies gleichzutun.
Zusätzlich würde ich es als hilfreich empfinden,
wenn an all unseren Grenzübergangen, also an den
Orten, wo Abweisungen stattgefunden haben, je ein
Mahnmal errichtet würde.
Im Antwortschreiben unserer Regierung wird nun die
Schuld explizit bekannt und gesagt, dass ihr leid tue,
was geschehen sei. Dies ist ein guter Anfang, aber noch
nicht die offizielle Entschuldigung bei jüdischen Verbänden
und Glaubensgemeinschaften. Bezüglich
Mahnmalen wolle sie zuerst die Arbeiten des Bundes
abwarten. Es scheint, als wären der Thurgauer Regierung
77 Jahre des Wartens immer noch nicht genug…
Vergangenheit bereinigen
Ebenfalls noch positiv zu erwähnen ist, dass sich
«unsere» Zeitung des Themas angenommen und
für ihre Verhältnisse recht klar darüber berichtet
hat. Dabei hat sie auch eines meiner Zitate erwähnt:
«Wer die Vergangenheit nicht bereinigt, wiederholt
sie.»
Man spürt in solchen Kämpfen immer wieder, wie
tief der Antisemitismus auch nach so vielen Jahren
da und dort in unserer Volksseele verankert ist.
Beten und Handeln wir weiter, bis diese Volkskrankheit
aus unserer Nation verbannt ist – dem König
der Juden zu liebe!
Daniel Frischknecht, Präsident EDU Schweiz

