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Menschenwürde und Organrekrutierungen - ein klares Votum von NR Andreas Gafner

 

Sehr geehrter Herr Nationalratspräsident
Geschätzter Herr Bundesrat
Liebe Kolleginnen und Kollegen

Die Bundesverfassung verpflichtet den Bund, bei der Transplantationsmedizin für
den Schutz der Menschenwürde, der Persönlichkeit und der Gesundheit zu sorgen. Seit Jahren wird daraus eine Politik gemacht, die potenzielle Organempfänger im Auge hat und die Grundfragen zur Situation der Spender am Lebensende weitgehend ausblendet.

Schon die aktuelle Gesetzgebung und die geltende Praxis stützen sich letztlich auf eine pragmatische statt eine wissenschaftliche Todesfeststellung eines Komitees an einer amerikanischen Universität von 1968 ab. Tot ist demnach jemand, wenn rund 3 Prozent des Körpers, nämlich das Gehirn, nicht mehr funktionieren. Der Rest des Körpers lebt, wenn auch mit Unterstützung. Mit solcher Unterstützung wurden zum Bei-
spiel schon Schwangerschaften erfolgreich zu Ende geführt. Bei einer toten Mutter würde das Kind ja auch nicht überleben. Der Körper reagiert bei der Organentnahme. Um dies zu minimieren, wird er in der Schweiz anästhesiert.

Auf dieser Basis politisch weitere Schritte zu unternehmen, um mehr Organe von Sterbenden gewinnen zu können, ist meiner Ansicht nach ethisch äusserst fragwürdig.
Weitere Fragen werden durch verstärkte Massnahmen zur Organrekrutierung verschärft:

  • Was bedeutet es für die sterbende Person, wenn plötzlich die bestmögliche Erhaltung ihrer Organe zwecks zukünftiger Organentnahme statt der Palliativpflege im Zentrum der medizinischen Handlungen steht?
  • Wem gehören der sterbende oder tote Körper mit seinen Organen?
  • Werden Sterbende mit zunehmenden medizinisch-technischen Möglichkeiten immer stärker zum «Ersatzteillager» für andere Personen erklärt?


Die Bundesverfassung verpflichtet uns, für den Schutz der Menschenwürde, der Persönlichkeit und der Gesundheit zu sorgen – auch der potenziellen Spender!

Deshalb setze ich ein grosses Fragezeichen hinter verstärkte Organrekrutierungen am Lebensende und werde die Volksinitiative und auch den Gegenvorschlag des Bundesrats aus diesen Gründen ablehnen.

EDU-Nationalrat Andreas Gafner

 

(aus dem Standpunkt Juni 2021, Seite 12)