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Sabatina James

Seit acht Jahren lebt Sabatina James mit und wohl auch nur dank Polizeischutz. Für ihren Vortrag durfte die veranstaltende EDU Thurgau keine Werbung machen. Zu gross wäre die Gefahr gewesen, dass die aus Pakistan stammende 32-Jährige aufgespürt und umgebracht würde.

So wies nur ein unscheinbarer Flyer auf den Anlass hin. Dennoch kamen weit über 300 Personen. Kantonsrat Daniel Wittwer, der die Referentin zuvor an einer geheimen Adresse abgeholt hatte, bat das Publikum, keine Fotos, Tonaufnahmen oder Facebook-Einträge zu machen, um ihren Verfolgern keine Hinweise zu ihrem Aufenthaltsort zu geben. Verfolgt wird Sabatina James von ihrer eigenen Familie, mit der sie als Neunjährige aus Pakistan nach Österreich gezogen ist.

 

Als 15-Jährige wurde Sabatina James ihrem Cousin ersten Grades versprochen, den sie aber nicht heiraten wollte. «Er war wie ein Bruder für mich – ich konnte ihn unmöglich heiraten», erzählt sie. Die Familie – ihr Grossvater ist Mullah in Pakistan – setzte Druck auf. Obwohl sie auch körperliche Gewalt erfuhr, spricht Sabatina James mit Zuneigung von ihren Eltern und den drei Geschwistern, die sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Nachdem ein Lehrer merkte, dass sie zu Hause misshandelt wurde, kam sie in eine Schutzeinrichtung für Jugendliche. Nach Ferien in Pakistan liessen die Eltern sie trotz anderslautender Versprechen bei einer Tante zurück. Sie wurde in eine Koranschule gesteckt.

 

Für die Gymnasiastin, die in Österreich Ärztin werden wollte, begann eine schwere Zeit. «Ich habe viel geweint, bin schliesslich in den Hungerstreik getreten und schwer krank geworden.» Als sie einwilligte, ihren Cousin zu heiraten – ohne das zu beabsichtigen –, durfte sie nach Linz zurück. Dass der Vater die Ehe längst für sie abgeschlossen hatte, erfuhr sie erst später.

 

2003 wandte sich Sabatina James vom sunnitischen Islam ab und liess sich katholisch taufen. «Der leidende Gott hat mich sehr angezogen.» Todesdrohungen seitens ihrer Familie zwingen sie zum Leben auf der Flucht, ohne festen Wohnsitz, stets darauf bedacht, möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Ihre öffentliche Kritik am Islam auf ihrem YouTube-Kanal hat ihr weitere Verfolger aus Islamistenkreisen eingebracht. Auch ihr Kollege, mit dem zusammen sie Islam-Analysen macht, habe wegen Morddrohungen seinen Wohnort verlassen müssen. «Und das alles in Deutschland.» Es ist ein seltener Moment der Bitterkeit an diesem Abend. Sabatina James strahlt sonst viel Lebensfreude und Herzlichkeit aus, verfügt über einen ansteckenden Humor. Oft lacht der ganze Saal mit ihr.

«Ich gebe nicht auf», sagt die zierliche junge Frau. Die Polizei sähe es am liebsten, wenn sie sich die Haare abschneiden und eine Hornbrille aufsetzen würde, «aber dafür bin ich viel zu eitel». Ihren Kampf für unterdrückte und von Gewalt betroffene Frauen führt Sabatina James über ihren Verein Sabatina e. V. und über ihre Bücher. Zwei hat sie schon geschrieben, das dritte wird in Kürze erscheinen.

 

Zusammenfassung des Artikels der TZ vom 03.11.2014