Newsdetail

Reformen müssen kindergerecht sein

Leserbrief zum Beitrag «Wir können die Digitalisierung nicht verbannen» von Urs Blaser, Schulpräsident Gossau, vom 25.11.19, erschienen am 12.12.19 im St. Galler Tagblatt.

Die Gegendarstellungen von Urs Blaser, dem Schulpräsidenten von Gossau, zu den Ausführungen im Buch («Eine Kultur schafft sich ab. Beiträge zu Bildung und Sprache»/Verlag Format Ost) von Professor Mario Andreotti brauchen eine Entgegnung: Der Lehrplan-Befürworter und Schulpräsident beschönigt die überstürzten Reformen und will nicht wahrhaben, dass diese Lerncoaches und selbstorganisiertes Lernen vorantreiben. Dabei müssen Lehrer top down funktionieren und werden je nach Schulleiter zu «Umsetzungen» genötigt. Wenn es aus Angst vor Kündigungen keinen offenen Widerspruch gibt, heisst dies noch lange nicht, dass die Lehrer die Änderungen im Innersten mittragen. Zu Recht spricht Urs Blaser von den - schon immer - notwendigen und zu fördernden Fähigkeiten, nachzudenken und zu reflektieren. Jedoch sollen fächerübergreifende und überfachliche Themen die Schüler schon früh mainstreamkonform prägen, was eigenständigem und reflektierendem Denken geradezu entgegensteht.  Leider ist dieses scheinbar auch bei den Lehrern nicht gewollt bezogen auf den Lehrplan 21. 

Dass die umfassenden Veränderungen ökonomischen Interessen zu dienen haben, will Urs Blaser ebenso nicht wahrhaben und unterstellt Andreotti, dass er grundsätzlich gegen die Digitalisierung sei. Dabei sind weder er noch die anderen Digitalisierungskritiker grundsätzlich gegen den Einsatz von Computern im Unterricht. Entscheidend ist ein alters- und situationsgerechter Einsatz mit Augenmass. Auch sollen digitale Medien nicht den Lehrer ersetzen. Der Lehrer bleibt entscheidend für den Lernerfolg der Kinder, weil das Lernen nur über Beziehung, Anleitung und Austausch gelingt. Die Gesellschaft mag sich verändern mit der Digitalisierung, aber was Kindern an Erfahrungen in der realen Welt bekommt zur Entfaltung aller Sinne und Entwicklung, ändert sich nicht. Ebenso darf das Ziel Selbstständigkeit nicht verwechselt werden mit dem Weg dazu, sonst werden viele Kinder im Stich gelassen.

Lisa Leisi, 9615 Dietfurt